Mit Sinn für Details und feinste Nuancen gelingt Nelegatti und Folkers etwas, was sie so gar nicht beabsichtigt haben: Eine zwingende wie zurückhaltende Neu-Formulierung des Tangos.

Ihr selbst produziertes Debüt "Hoy En Dia" könnte ebenso gut als ein Post-Everything zwischen Ambient und Neo-Klassik vermarktet werden. Aber Musik wie diese entsteht abseits jeglicher Vorstellungen von Märkten ...

Wer das Duo erstmalig hört, unvorbereitet und ohne weiteres Wissen um die lange Geschichte der beiden Musiker, wird vieles hören. Viel mehr als eine Gitarre und eine Violine. Viel mehr als Tango. Viel mehr als die Kulmination von Können. Ohne Information begegnet uns ihre Musik vielleicht in ihrer ehrlichsten Form. Ohne Versprechungen, ausser der einen: für uns da zu sein.

Insofern sind die folgenden Worte kontraproduktiv. Leeres Geklapper.

Ganz ehrlich: Hören Sie sich doch lieber die CD an. Der Titel “Hoy En Dia” bedeutet “Heutzutage”. Das reicht an Informationen.

Nein, wirklich.

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Selbst der rein deskriptive Untertitel “Tango para violin y guitarra” wirkt schon nahezu geschwätzig. Solche Auslassungen werden dem Tun des in Berlin und Hamburg beheimateten Duos nicht gerecht. Zu viele Worte, wo nur magischer Einklang sein sollte.

Im Zusammenhang mit Nelegatti/Folkers wirkt jeder Satz aufgeblasen. Das freundliche Duo und ihre hoch emotionale Musik sind der Alptraum eines jeden Promoters. Superlative enttarnen sich als Imponiergehabe. Übertriebenes Lob wirkt schal wie ein falscher Liebesschwur. Sinnvoll wären höchstens allegorische Linernotes, die ihre eigene Geschichte erzählen und in einer launigen Schlusszeile enden. Irgendwas in der Qualität von “Nicht wir haben uns den Tango ausgesucht, der Tango hat uns gesucht, und er hat uns gefunden.” Aber Linernotes gibt es keine. Nur diesen Werbezettel. Und mit Werbung kommen wir hier nicht weiter.

Oder wie spreche ich in blumigen Worten von vornehmer Zurückhaltung, ohne die Leidenschaft zu verraten? Und wie preise ich diese besondere Form von Bescheidenheit, die erst im professionellen Zusammenspiel entsteht? Wie erkläre ich den Reiz der Zurückhaltung, ohne ein Adjektiv (zu viel) zu benutzen?

Am Ende lohnt sich doch der Blick in die Biographie der beiden, denn sie bietet interessante Anhaltspunkte: Der Gitarrist Coco Nelegatti wurde 1959 in Córdoba/Argentinien geboren, der Violinist Jansen Folkers, 1972 in Eberswalde/Brandenburg. Beide führen ein Leben für die Musik. Der Tango hat sie gesucht, und er hat sie gefunden - ganz einfach. Mit derselben Selbstverständlichkeit entfaltet er unter ihrer Ägide seine ganz eigene Magie.
Das kann nur Liebe sein.

Autor: Lars Brinkmann

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